6
Jan
2006

Vergangene Mythen: Der Postbote

Dem Postmann mach ich nicht mal mehr im Bademantel auf, seitdem ich weiss, dass er für alle spioniert, so oder so ähnlich heisst's bei Element of Crime.

Welch ein Irrtum. Der Postmann, der ja immer zweimal klingelt, ist ein Anglizismus, den wir gar nicht hören wollen. Schlimm ist nur, dass sein deutsches Pendant, im Behördendeutsch Postzusteller und im Volksmund Briefträger genannt, auch längst nicht mehr ist, was er mal war.

Gut, die ganz alten Zeiten, als der über Jahrzehnte vertraute Beamte (damals noch...) der Deutschen Bundespost an der Tür klingelte und sich der Dialog entspann: Eine Karte von Ihrer Tante aus dem Urlaub!, sagte der Briefträger, und die erfreute Hausfrau fragte: Was schreibt sie denn?, sind schon ganz, ganz lange vorbei. Auch die Zeit der Uralt-Witze über die Hausfrau, die dem Briefträger im Negligée öffnet, um dann.... hat sich wohl überlebt.

Aber noch in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte ich den mir vertrauten Postzusteller, der jeden Mittag die Briefe - na gut, meistens Rechnungen - in meinen Kasten warf und der vor allem zu jeglicher Hilfe bereit war. Brauchte ich eine Urkunde für eine Postvollmacht (gibt's auch schon längst nicht mehr), brachte er sie mir am nächsten Tag vorbei. Ging ich für ein paar Wochen in Urlaub, wurden die ganzen Briefe, Zeitungen, Päckchen an geheimnisvollem Ort gesammelt. Und am Tag nach meiner Rückkehr stand der Briefträger vor der Tür, klingelte und überreichte mir die dicken Packen.

Heute schimpft sich so was add-on Service oder ähnliches in fürchterlichem MarketingDenglish, kostet richtig Geld - vor allem aber: Ich habe längst den Überblick verloren, wer was mit meiner Post anstellt.

Jede Woche, wenn nicht jeden Tag, wirft jemand anders die Post in meinen Kasten. Die Profis, die genau wissen, welche Post wo hin gehört, und die vor allem im Kopf haben, bei wem im Haus man etwas hinterlegen könnte, sind wegrationalisiert worden. Längst kommen auch nicht allein mehr die blaugelben Damen und Herren der Deutschen Post, sondern auch die blaugrünen von einem privaten Dienstleister, verschiedene Paketzusteller, die mit den Paketen sonst was machen und sie gerne in der Praxis im Erdgeschoss abgeben, wo am Samstag keiner ist. Und irgendeinen von denen irgend was zu fragen, ist gleich sinnlos.

Klingeln tun sie alle ohnehin nicht mehr. (Komischerweise soll man ja auch bei Einschreiben inzwischen glauben, dass sie der anonyme Zusteller in den Kasten geworfen hat, das gilt dann als ausreichend.)

Da mag man doch zu Weihnachten oder Neujahr gar nicht mehr einen Umschlag mit einem kleinen Präsent an den Briefkasten hängen. Denn wer kriegt das? Der oder die, die zufällig gerade in meiner Straße Dienst haben? Oder der vom privaten Postservice? Oder ein Paketmann irgendeines Zustelldienstes?

Es gibt keine Briefträger mehr.... Nur noch so genannte Dienstleister, die gerne auch mal die Post anderer Hausbewohner bei mir abladen. Heute die für das Kometikinstitut im anderen Gebäudeflügel. Aber was soll gerade ich mit Schönheit mit System?

/edit: Den Titel in Postbote geändert. Klingt nostalgischer.

Entzugsplanung

So langsam geht mir auf, was der geplante Urlaub bedeutet: Handy tut nicht, Internet ist eine absolute Mangelressource. Ob ich langsam anfange, mich daran zu gewöhnen, und die nächsten Tage nur noch mit einem Handy statt zweien aus dem Haus gehe?
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