Erinnerungen: The Final Cut
"Es wird nicht lange weh tun", sagte der freundliche ältere Urologe.
Dann nahm er die aufgezogene Spritze und stach zu. Ein wahnsinniger Schmerz.
Da, wo wie ich damals glaubte, inzwischen weiss ich es besser es einem
Mann am meisten weh tut. "Und eine zweite Spritze." Wieder verkrampfte ich
mich.
Während ich wartete, dass es besser wurde, dachte ich darüber nach, wann ich
das Wort zum ersten Mal gehört hatte. Ich war gerade 18, lag wegen eines
kleinen Eingriffs im Krankenhaus und wartete auf meine Operation, als die
Schwester hereinkam. "Sind Sie die Vasektomie?" Ehe ich darüber nachdachte,
was sie wohl meinte, hatte ich schon verneint.
Wahrscheinlich wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich damals ja gesagt
hätte.
Eine Tochter und 13 Jahre später wusste ich, was der medizinische Begriff
bedeutete. Und suchte verzweifelt einem Arzt, dem ich klar machen konnte:
Ich bin noch jung, ja. Und ich könnte noch viele Kinder wollen, ja. Aber ich
bin mit einem sehr zufrieden. Und meine Lebensgefährtin will keine Kinder.
Nein, ja, ich habe mir das reiflich überlegt, ja, ich weiss, dass das
irreversibel ist.
Bitte schneiden Sie.
Es war dann gar nicht so schlimm. Nachdem der Schmerz nachgelassen hatte.
Den Schnitt wollte ich nicht sehen, wollte schon gar nicht wissen, was da
passierte. Ich hatte mich dafür entschieden, aber mit den Details, bitte
schön, wollte ich nicht konfrontiert werden. Reichte das nicht?
Es reichte. Zwar sah ich ein paar Tage aus, als hätte ich den
einschneidenden Moment nicht in einer mitteleuropäischen Praxis, sondern in
einer Folterkammer der Dritten Welt verbracht. Aber breitbeinig gehen lernt
man ja schnell.
Anschließend war ich so etwas wie ein weißer Rabe. Mit gewisser Verwunderung
registrierten die Frauen in unserem Freundeskreis, zu denen unser Verhältnis
eng genug war, dass wir ihnen davon erzählten, wozu ein Mann einfach bereit
sein kann. Wenn er denn will. Mein Freund, mein Mann, so hätten etliche am
liebsten eingestanden, will das nicht. Und ich nehme die Pille. Obwohl ich
das eigentlich auch gar nicht will. Neid.
Der Gedanke wurde für mich schnell selbstverständlich, den mein Urologe mit
gespieltem Bedauern nach dem ersten Test formulierte: "Leider muss ich Ihnen
mitteilen, dass Sie nicht mehr zeugungsfähig sind." Verblüffend war nur,
dass ich nie einen Mann kennenlernte, der diesen Sch(n)ritt auch gemacht
hatte. Sicher, manche haben es mir nicht erzählt, auch wenn das Thema zur
Sprache kam. Doch ich bin sicher, dass einige insgeheim überzeugt waren,
dass ein solcher Einschnitt in ihre Männlichkeit nicht infrage kam.
Das führte auch zu peinlichen Situationen. Einmal fragte mich ein Bekannter,
ob ich einen guten Urologen wisse. Es gehe um, na ja, Du weißt schon, und
Kinder und überhaupt. Na klar, beruhigte ich ihn. Es tut nur kurz weh, bei
der Spritze. Alles andere ist kein Problem.
Fettnapf. Er suchte das Gegenteil einen Arzt, der dem bislang kinderlosen
Paar zu Nachwuchs verhelfen könne. Treffer. Mit hochrotem Kopf versicherte
ich ihm, Entschuldigung, ein Missverständnis. Nein, tut mir leid, weiß ich
auch nicht.
Das blieb zum Glück ein Einzelfall aber schien mir symptomatisch für das
gewandelte gesellschaftliche Bewusstsein. Während in den 80-er und frühen
90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Mann, der Verantwortung für
die Verhütung übernahm, der wenn auch stillschweigenden Sympathie sicher
sein konnte, galt bald das Gegenteil. Seid fruchtbar und mehret euch, und
wer das nicht will, versündigt sich. An den nachfolgenden
(Nicht)Generationen oder an der Rentenkasse oder am Generationenvertrag.
Oder so.
Zum Glück ist es irreversibel.
Und meine Männlichkeit, übrigens, hat es nicht beeinträchtigt.
Dann nahm er die aufgezogene Spritze und stach zu. Ein wahnsinniger Schmerz.
Da, wo wie ich damals glaubte, inzwischen weiss ich es besser es einem
Mann am meisten weh tut. "Und eine zweite Spritze." Wieder verkrampfte ich
mich.
Während ich wartete, dass es besser wurde, dachte ich darüber nach, wann ich
das Wort zum ersten Mal gehört hatte. Ich war gerade 18, lag wegen eines
kleinen Eingriffs im Krankenhaus und wartete auf meine Operation, als die
Schwester hereinkam. "Sind Sie die Vasektomie?" Ehe ich darüber nachdachte,
was sie wohl meinte, hatte ich schon verneint.
Wahrscheinlich wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich damals ja gesagt
hätte.
Eine Tochter und 13 Jahre später wusste ich, was der medizinische Begriff
bedeutete. Und suchte verzweifelt einem Arzt, dem ich klar machen konnte:
Ich bin noch jung, ja. Und ich könnte noch viele Kinder wollen, ja. Aber ich
bin mit einem sehr zufrieden. Und meine Lebensgefährtin will keine Kinder.
Nein, ja, ich habe mir das reiflich überlegt, ja, ich weiss, dass das
irreversibel ist.
Bitte schneiden Sie.
Es war dann gar nicht so schlimm. Nachdem der Schmerz nachgelassen hatte.
Den Schnitt wollte ich nicht sehen, wollte schon gar nicht wissen, was da
passierte. Ich hatte mich dafür entschieden, aber mit den Details, bitte
schön, wollte ich nicht konfrontiert werden. Reichte das nicht?
Es reichte. Zwar sah ich ein paar Tage aus, als hätte ich den
einschneidenden Moment nicht in einer mitteleuropäischen Praxis, sondern in
einer Folterkammer der Dritten Welt verbracht. Aber breitbeinig gehen lernt
man ja schnell.
Anschließend war ich so etwas wie ein weißer Rabe. Mit gewisser Verwunderung
registrierten die Frauen in unserem Freundeskreis, zu denen unser Verhältnis
eng genug war, dass wir ihnen davon erzählten, wozu ein Mann einfach bereit
sein kann. Wenn er denn will. Mein Freund, mein Mann, so hätten etliche am
liebsten eingestanden, will das nicht. Und ich nehme die Pille. Obwohl ich
das eigentlich auch gar nicht will. Neid.
Der Gedanke wurde für mich schnell selbstverständlich, den mein Urologe mit
gespieltem Bedauern nach dem ersten Test formulierte: "Leider muss ich Ihnen
mitteilen, dass Sie nicht mehr zeugungsfähig sind." Verblüffend war nur,
dass ich nie einen Mann kennenlernte, der diesen Sch(n)ritt auch gemacht
hatte. Sicher, manche haben es mir nicht erzählt, auch wenn das Thema zur
Sprache kam. Doch ich bin sicher, dass einige insgeheim überzeugt waren,
dass ein solcher Einschnitt in ihre Männlichkeit nicht infrage kam.
Das führte auch zu peinlichen Situationen. Einmal fragte mich ein Bekannter,
ob ich einen guten Urologen wisse. Es gehe um, na ja, Du weißt schon, und
Kinder und überhaupt. Na klar, beruhigte ich ihn. Es tut nur kurz weh, bei
der Spritze. Alles andere ist kein Problem.
Fettnapf. Er suchte das Gegenteil einen Arzt, der dem bislang kinderlosen
Paar zu Nachwuchs verhelfen könne. Treffer. Mit hochrotem Kopf versicherte
ich ihm, Entschuldigung, ein Missverständnis. Nein, tut mir leid, weiß ich
auch nicht.
Das blieb zum Glück ein Einzelfall aber schien mir symptomatisch für das
gewandelte gesellschaftliche Bewusstsein. Während in den 80-er und frühen
90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Mann, der Verantwortung für
die Verhütung übernahm, der wenn auch stillschweigenden Sympathie sicher
sein konnte, galt bald das Gegenteil. Seid fruchtbar und mehret euch, und
wer das nicht will, versündigt sich. An den nachfolgenden
(Nicht)Generationen oder an der Rentenkasse oder am Generationenvertrag.
Oder so.
Zum Glück ist es irreversibel.
Und meine Männlichkeit, übrigens, hat es nicht beeinträchtigt.
40something - 6. Apr, 23:05
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