Kinderaugen sehen Dich an
Alle Jahre wieder qualmt der Shredder. Um die Zeit zwischen Volkstrauertag und Totensonntag, wenn schon der Blick aus dem Fenster ein Blick ins verregnete Elend ist, häufen sich in meinem Briefkasten die pseudo-persönlichen Schreiben der karitativen Organisationen.
Sehr geehrter Herr 40something, umschmeicheln mich die Stimmen derjenigen, denen ich vor Jahren mal eine größere Spende habe zukommen lassen, haben Sie schon einmal daran gedacht: Während wir in einem der reichsten Länder der Erde leben, haben xx Millionen Menschen nicht nur nichts zu essen, sondern noch nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser.
Das ist ist nüchtern-rationale Ansprache, die auf mein schlechtes Gewissen zielt. Es geht auch fetter:
Vishna (oder sonst ein scheinbar typischer Kindername der Dritten Welt) kann zum ersten mal seit Jahren wieder lachen. Spender wie Sie, sehr geehrter Herr 40something, haben es ihm ermöglicht, sein appes Bein/kranken Bauch/schleichenden Bandwurm zu kurieren. Mit nur drei Euro am Tag können auch Sie einem Kind wie Vishna etwas Gutes tun!
Tief durchatmen. Noch mal tief durchatmen.
Also, verehrte Briefeschreiber: Ich bin mir dieses Elends bewusst, und ich bin auch gewillt, etwas dagegen zu tun, was mir möglich ist. Und wenn das heißt, dass ich Geld dafür gebe, dann tue ich das gern.
Aber: Ich habe, verehrte Briefeschreiber, die Schnauze voll, jede Woche der inzwischen schon vor dem Volkstrauertag beginnenden Vorweihnachtszeit (mal ganz nebenbei: früher, als ich noch ein paar Jahrzehnte jünger war, begann die Vorweihnachtszeit frühestens nach dem Totensonntag) stapelweise Briefe zu bekommen, in denen ihr mir mit dem Appell an schlechtes Gewissen oder großen leuchtende Kinderaugen aus dem Trikont das Online-Überweisungsformular auf den Bildschirm zaubern wollt.
Ich erzähle euch auch mal eine Geschichte. Vor Jahrzehnten, als der 40something noch ein 20something war, leistete er seinen Zivildienst. Eine Aufgabe, von deren Wichtigkeit ich auch heute noch überzeugt bin. Und da bekam ich mit, wie es in der Vorweihnachtszeit – genau, nach Totensonntag – ablief: Die karitative Organisation, in der ich für geringen Wehrsold (eben das gleiche Geld wie die Jungs beim Bund) tätig war, startete dann immer ihre große Spendenoffensive. Die Bettelbriefe wurden, wir waren ganz am Anfang der 80-er Jahre, noch mit der Kugelkopf-Schreibmaschine getippt, immer schön mit drei bis vier Durchschlägen (es gab zwar bereits einen Schreibautomat genannten Computer, aber außer einer immer kranken Schreibkraft und dem Zivildienstleistenden 20something konnte damit niemand umgehen). Dann wurden diese Briefe liebevoll eingetütet, mit Briefmarken beklebt und an die potenziellen Spender verschickt.
Tja. Wenn es gut lief, kam ein bisschen Geld dabei rum, für Hilfsprojekte für Kranke, Behinderte, alleinerziehende Mütter oder ähnliches.
Wenn es nicht gut lief.... deckten die eingehenden Spenden ziemlich exakt die Portokosten. (Bei weitem nicht die Arbeitszeit der Damen, die die Briefe getippt hatten.)
Aber irgendwie kam ja immer Spendengeld herein. Dass dann zweckgebunden verwendet werden musste. Nicht etwa für die alleinerziehenden Mütter, die es dringend gebraucht hätten. Sondern, sagen wir mal, für ein Auto. Auch nett. Zwischenzeitlich gab es so viele Autos, dass der Zivildienstleistende 20something damit gerne für ein paar Tage zu seinen vorgeschriebenen Seminaren zur staatsbürgerlichen Bildung fahren konnte. Eigentlich eine feine Sache, und so bequem. Irgendwann war es mir dann allerdings peinlich, dauernd darauf angesprochen zu werden, warum ich ein Auto mit einem dicken Aufkleber Gespendet von der Aktion Sorgenkind fahre (so, liebe Kinder, hieß die Aktion Mensch, als es noch nicht politisch inkorrekt war, von Sorgenkindern zu reden).
Seitdem, verehrte Briefeschreiber, weiß ich ziemlich genau, welchen Aufwand ihr für Fund Raising treibt. Und dass ihr euch in den Methoden – und, nebenbei auch bei der Adressbeschaffung – nicht wesentlich von sonstigen Werbe-Massenmailern unterscheidet.
Wie wäre es mit einem Deal: Ihr streicht mich aus eurem Mailverteiler. Und überlegt euch, wie ihr ein bisschen weniger kostenaufwändig an euer so dringend benötigtes Spendengeld kommt – schaut mal auf so Organisationen wie ... ach, ich nenne jetzt mal keine. Aber es gibt welche, die dann zum Beispiel für lau Werbespots im Kino platzieren. Oder sich andere intelligente Dinge einfallen lassen, ohne dass ich ihre Werbemethoden ohne näheres Hinsehen mit den Massenbriefen der diversen Billigklamottenversender verwechsele.
Und im Gegenzug verspreche ich, dass ich mich jedes Jahr noch vor der Vorweihnachtszeit – genau, so um Totensonntag rum – hinsetze und mal recherchiere, welche Hilfsprojekte ich gerne unterstützen möchte. Ohne dass ich stapelweise eure Bettelbriefe mit großäugigen Kindern in den Shredder stopfen muss (einfach ins Altpapier mag ich die nicht werfen, ihr habt nämlich dankenswerterweise die Überweisungsträger gleich mit meinem Namen und meiner Adresse ausgefüllt; wenn ihr sie wüsstet, stünde wohl auch meine Kontonummer schon drin).
Und dann suche ich mir ein Projekt und eine Organisation aus und überweise eine gute Summe. Und wir beide sind zufrieden.
Na, wäre das ein Geschäft?
(Im übrigen, ich geb's ja zu, fälle auch ich die Spendenentscheidung emotional. Heute habe ich in der U-Bahn dem Verkäufer einer Obdachlosenzeitung ein paar Münzen in die Hand gedrückt, weil er den korrekten Genitiv gebraucht hat – er verdiente nämlich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf des 'Straßenfegers'. Aber das spricht mich mehr an als der 17. Aufguss des Schicksals von Vishna, der wieder lachen kann, seitdem es die Spender aus Deutschland gibt. Ihr versteht mich.)
Sehr geehrter Herr 40something, umschmeicheln mich die Stimmen derjenigen, denen ich vor Jahren mal eine größere Spende habe zukommen lassen, haben Sie schon einmal daran gedacht: Während wir in einem der reichsten Länder der Erde leben, haben xx Millionen Menschen nicht nur nichts zu essen, sondern noch nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser.
Das ist ist nüchtern-rationale Ansprache, die auf mein schlechtes Gewissen zielt. Es geht auch fetter:
Vishna (oder sonst ein scheinbar typischer Kindername der Dritten Welt) kann zum ersten mal seit Jahren wieder lachen. Spender wie Sie, sehr geehrter Herr 40something, haben es ihm ermöglicht, sein appes Bein/kranken Bauch/schleichenden Bandwurm zu kurieren. Mit nur drei Euro am Tag können auch Sie einem Kind wie Vishna etwas Gutes tun!
Tief durchatmen. Noch mal tief durchatmen.
Also, verehrte Briefeschreiber: Ich bin mir dieses Elends bewusst, und ich bin auch gewillt, etwas dagegen zu tun, was mir möglich ist. Und wenn das heißt, dass ich Geld dafür gebe, dann tue ich das gern.
Aber: Ich habe, verehrte Briefeschreiber, die Schnauze voll, jede Woche der inzwischen schon vor dem Volkstrauertag beginnenden Vorweihnachtszeit (mal ganz nebenbei: früher, als ich noch ein paar Jahrzehnte jünger war, begann die Vorweihnachtszeit frühestens nach dem Totensonntag) stapelweise Briefe zu bekommen, in denen ihr mir mit dem Appell an schlechtes Gewissen oder großen leuchtende Kinderaugen aus dem Trikont das Online-Überweisungsformular auf den Bildschirm zaubern wollt.
Ich erzähle euch auch mal eine Geschichte. Vor Jahrzehnten, als der 40something noch ein 20something war, leistete er seinen Zivildienst. Eine Aufgabe, von deren Wichtigkeit ich auch heute noch überzeugt bin. Und da bekam ich mit, wie es in der Vorweihnachtszeit – genau, nach Totensonntag – ablief: Die karitative Organisation, in der ich für geringen Wehrsold (eben das gleiche Geld wie die Jungs beim Bund) tätig war, startete dann immer ihre große Spendenoffensive. Die Bettelbriefe wurden, wir waren ganz am Anfang der 80-er Jahre, noch mit der Kugelkopf-Schreibmaschine getippt, immer schön mit drei bis vier Durchschlägen (es gab zwar bereits einen Schreibautomat genannten Computer, aber außer einer immer kranken Schreibkraft und dem Zivildienstleistenden 20something konnte damit niemand umgehen). Dann wurden diese Briefe liebevoll eingetütet, mit Briefmarken beklebt und an die potenziellen Spender verschickt.
Tja. Wenn es gut lief, kam ein bisschen Geld dabei rum, für Hilfsprojekte für Kranke, Behinderte, alleinerziehende Mütter oder ähnliches.
Wenn es nicht gut lief.... deckten die eingehenden Spenden ziemlich exakt die Portokosten. (Bei weitem nicht die Arbeitszeit der Damen, die die Briefe getippt hatten.)
Aber irgendwie kam ja immer Spendengeld herein. Dass dann zweckgebunden verwendet werden musste. Nicht etwa für die alleinerziehenden Mütter, die es dringend gebraucht hätten. Sondern, sagen wir mal, für ein Auto. Auch nett. Zwischenzeitlich gab es so viele Autos, dass der Zivildienstleistende 20something damit gerne für ein paar Tage zu seinen vorgeschriebenen Seminaren zur staatsbürgerlichen Bildung fahren konnte. Eigentlich eine feine Sache, und so bequem. Irgendwann war es mir dann allerdings peinlich, dauernd darauf angesprochen zu werden, warum ich ein Auto mit einem dicken Aufkleber Gespendet von der Aktion Sorgenkind fahre (so, liebe Kinder, hieß die Aktion Mensch, als es noch nicht politisch inkorrekt war, von Sorgenkindern zu reden).
Seitdem, verehrte Briefeschreiber, weiß ich ziemlich genau, welchen Aufwand ihr für Fund Raising treibt. Und dass ihr euch in den Methoden – und, nebenbei auch bei der Adressbeschaffung – nicht wesentlich von sonstigen Werbe-Massenmailern unterscheidet.
Wie wäre es mit einem Deal: Ihr streicht mich aus eurem Mailverteiler. Und überlegt euch, wie ihr ein bisschen weniger kostenaufwändig an euer so dringend benötigtes Spendengeld kommt – schaut mal auf so Organisationen wie ... ach, ich nenne jetzt mal keine. Aber es gibt welche, die dann zum Beispiel für lau Werbespots im Kino platzieren. Oder sich andere intelligente Dinge einfallen lassen, ohne dass ich ihre Werbemethoden ohne näheres Hinsehen mit den Massenbriefen der diversen Billigklamottenversender verwechsele.
Und im Gegenzug verspreche ich, dass ich mich jedes Jahr noch vor der Vorweihnachtszeit – genau, so um Totensonntag rum – hinsetze und mal recherchiere, welche Hilfsprojekte ich gerne unterstützen möchte. Ohne dass ich stapelweise eure Bettelbriefe mit großäugigen Kindern in den Shredder stopfen muss (einfach ins Altpapier mag ich die nicht werfen, ihr habt nämlich dankenswerterweise die Überweisungsträger gleich mit meinem Namen und meiner Adresse ausgefüllt; wenn ihr sie wüsstet, stünde wohl auch meine Kontonummer schon drin).
Und dann suche ich mir ein Projekt und eine Organisation aus und überweise eine gute Summe. Und wir beide sind zufrieden.
Na, wäre das ein Geschäft?
(Im übrigen, ich geb's ja zu, fälle auch ich die Spendenentscheidung emotional. Heute habe ich in der U-Bahn dem Verkäufer einer Obdachlosenzeitung ein paar Münzen in die Hand gedrückt, weil er den korrekten Genitiv gebraucht hat – er verdiente nämlich seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf des 'Straßenfegers'. Aber das spricht mich mehr an als der 17. Aufguss des Schicksals von Vishna, der wieder lachen kann, seitdem es die Spender aus Deutschland gibt. Ihr versteht mich.)
40something - 13. Nov, 22:39
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